Verschwörungsideologischer Autokorso, Kundgebungen und Lichterspaziergang zum Reformationstag
Die verschwörungsideologische Gruppierung „Reformation 2.0“ aus Wittenberg, die in letzter Zeit vor allem durch Spaltungs- und Auflösungserscheinungen von sich reden machte (mehr dazu hier…), rief zum Reformationstag zu einem europaweiten Aktionstag unter dem Motto „Free Europe“ auf. Angekündigt waren neben zwei Kundgebungen (Lutherstraße und Breitscheidstraße), einem Autokorso und einem „Lichterspaziergang“ in der Lutherstadt selbst, auch versammlungsrechtliche Aktionen in Neubrandenburg, Dresden, Kiel, München, Frankfurt/Main und Wien. Die Beteiligung fiel in Wittenberg und allen Orten indes mickrig aus, hat doch die Querdenkerszene aus denen sich diese Gruppen speisten (mehr dazu hier…), seit dem Ende der Pandemie wesentlich an Handlungsfähigkeit und Deutungsmächtigkeit verloren (mehr dazu hier…). Jetzt ist quasi der radikalisierte Rest übrig geblieben, der gegen Klimaschutz und „Gender-Gaga“ polemisiert, sich russlandsolidarisch zeigt und die „Grünen an die Ostfront“ wünscht, im Einklang mit der in Sachsen-Anhalt als „gesichert rechtsextremen Bestrebung“ eingestuften AfD „Remigration“ fordert und überhaupt das „System stürzen“ möchte und dies alles in krude, reichs- und verschwörungsideologische Erzählungen einbettet.
An einem Autokorso, wohl gedacht als Zubringerdemo zu den Kundgebungen in Wittenberg, nahmen laut Selbstbezichtigung 40 Fahrzeuge teil. Die an den PKW angebrachten Fahnen ließen keinen Zweifel an der präferierten Ideologie: russische Symbole wechselten sich mit der Friedenstaube ab und Reichsfahnen trafen auf solche die Werbung für das rechtsextreme Compact-Magazin machten. Da verwundert es kaum, dass der Autokorso logistische und organisatorische Unterstützung von der in solchen Aktionsformen erfahrenen Gruppierung „Familien-Autokorso“ aus dem benachbarten Dessau-Roßlau bekam (mehr dazu hier…).
Auf den beiden Bühnen in der Lutherstand gab sich dann das Who is Who der lokalen/regionalen Szene die Klinke in die Hand, alles schön vom rechten Videostreamer „Weichreite TV“ in Szene gesetzt und live ins Netz übertragen (mehr dazu hier…). Der frühere Vorsitzende der AfD-Fraktion in Sachsen-Anhalt André Poggenburg (mehr dazu hier…), der heute für das Compact-Magazin arbeitet (mehr dazu hier…), verbreitete beispielsweise für das Milieu so typische Opfererzählungen:„Nicht nur wir (das Compact-Magazin; Anm. MBT Anhalt) sondern auch andere, alternative Medien haben natürlich die Knute zu spüren bekommen. […] Wir leben längst nicht mehr in einer echten Demokratie, denn nur eine freiheitliche Demokratie ist eine echte Demokratie. Wir leben auch längst nicht mehr in einem freiheitlichen Rechtsstaat, wir leben mittlerweile in einem ideologischen Linksstaat. Wenn wir dagegen nicht aufstehen, werden all jene, die dagegen sind sowieso als Rechtsextreme, als Nazis, als Faschisten bezeichnet. Also habt keine Angst davor, so betitelt zu werden, steht trotzdem auf und demonstriert bis wir diese Bagage dort oben irgendwann zum Teufel jagen.“ Was Poggenburg selbstredend nicht anerkennt, ist, dass das im Juni 2025 am Bundesverwaltungsgericht revidierte Compact-Verbot gezeigt hat, dass die Meinungsfreiheit eben auch für Verfassungsfeinde von rechts gilt (mehr dazu hier…). Mit von der Partie auch der AfD-Fraktionsvorsitzende Oliver Kirchner aus Magdeburg der sich sicher ist: „Wir brauchen keinen dritten Weltkrieg, wir brauchen einen ersten Weltfrieden. Wer Krieg will, schickt Waffen und wer Frieden will der schickt Diplomaten. Wir sollten diese ganzen Waffenlobbyisten, wie Frau Strack-Rheinmetall (gemeint ist die FDP-Europaabgeordnete Marie-Agnes Strack-Zimmermann; Anm. MBT Anhalt), Herr Kiesewetter oder Merz bewaffnen und selbst an die Front schicken. Dann wäre der Krieg in der Ukraine morgen beendet.“ Dem will der Ex-AfD-Stadtrat Dirk Hoffmann aus Wittenberg, der nun für das Spaltungsprodukt „Frei und Parteilos“ (FuP) im Kommunalparlament sitzt (mehr dazu hier… und hier…) in nichts nachstehen: „Tatsächlich sind es die Vertreter der Regierung, die sich der Rhetorik aus der Nazizeit bedienen. Ein Beispiel gefällig – wir sollen kriegstüchtig werden, den Namen der das einmal im Dritten Reich gesagt hat nenne ich nicht, aber heute sagt dasselbe unser Verteidigungsminister Boris Pistorius, der gehört beiseite, aber nicht nur der.“ Was Hoffmann mit „beiseite“ genau meint bleibt offen, die autoritäre Reinigungsphantasie ist jedenfalls offenkundig. Nicht fehlen darf auch die rechte Hetzerin Colette Bornkamm-Rink aus Aschersleben (mehr dazu hier…) die „Weichreite-TV“ ob der geringen Beteiligung an den Kundgebungen frustriert ins Mikro spricht und dies mit einer kruden These zur bevorstehenden Landtagswahl in Sachsen-Anhalt verbindet: „Solange die Plätze so leer bleiben, leisten wir damit Vorschub zum Wahlbetrug oder zur Möglichkeit der Wahlmanipulation, denn wenn die die Zahlen runterschreiben und Leute sagen `Hallo` die waren bei 45 Prozent, dann können die da Oben sagen habt ihr mal auf die Marktplätze geguckt, da stehen doch nur 100 Bekloppte, so viele sind doch gar nicht unzufrieden.“

Foto: Projekt GegenPart am 31.10.2024 in Wittenberg
Quelle: eigener Bericht


