Mobiles Beratungsteam gegen Rechtsextremismus in Anhalt bilanziert Gesamtjahr 2025
+++ als gesichtert rechtsextreme Bestrebung eingestufter AfD-Landesverband radikalisiert sich weiter// erneut vierstellige Zahl rechter Vorfälle in der Region Anhalt dokumentiert+++



Die vom Mobilen Beratungsteam (Projekt GegenPart) in einer Chronik festgehaltenen rechtsextremen Vorfälle im Jahr 2025 sind erneut gestiegen. Hierbei handelt es sich ein weiteres Mal um ein absolutes Allzeithoch seit Bestehen der Chronik. Für 2025 wurden 1091 rechte Ereignisse dokumentiert.
Die 85 Beratungsfälle im Jahr 2025 zeigen einen leichten Rückgang von 2,3 % im Vergleich zum Vorjahr, befinden sich aber wie in den vorherigen Jahren weiter auf einem hohen Niveau.
Jahresbilanz 2025 von Projekt GegenPart
Beratungsbilanz
Beratungsprozesse nach geografischer Verortung


Das MBT Anhalt hat im Berichtszeitraum 2025 (Gesamtjahr) insgesamt 85 Beratungsfälle prozesshaft begleitet, was im Vergleich zum Vorjahr (87 Fälle) einen geringfügigen Rückgang von ca. 2,3 % entspricht. Wie bereits in den vergangenen Jahren, waren die meisten Beratungsprozesse (mit 45 Treffern, entspricht rund 53% am Gesamtaufkommen) in Dessau-Roßlau verortet, gefolgt von den Landkreisen Anhalt-Bitterfeld (29 Fälle; rund 34% vom Gesamtaufkommen) und Wittenberg (11 Fälle; rund 13% aller Beratungsfälle).
Im Vergleich zum Vorjahr fällt bei der geographischen Parität insbesondere auf, dass die Fälle in der kreisfreien Stadt Dessau-Roßlau wieder deutlich im Überhang sind, während die Bilanz in 2024 zwischen Anhalt-Bitterfeld (2024: 33) und Dessau-Roßlau (2024: 38) fast ausgeglichen war. Das liegt vor allem daran, dass in diesem Jahr überdurchschnittlich viele Anfragen hereinkamen, die geographisch nicht eindeutig zuzuordnen waren (Medien und Wissenschaft) und damit automatisch dem Bürostandort (Dessau-Roßlau) zuzuschlagen waren.
Wird auf die Fallzahlen der letzten drei Jahre geblickt (2023:70; 2024: 87), haben sich die Fälle auf einem hohen Niveau konsolidiert, vor allem im Vergleich zu den Jahren 2015 (66), 2016 (68), 2017 (60) und 2019 (55).
Beratungsfälle im Laufe der Jahre

Schwerpunkte der Beratungsanlässe bildeten in den letzten 12 Monaten mit 23 Treffern (rund 27%) Angstzonen/ Bedrohungsszenarien, dicht gefolgt von rechten Unterwanderungen der Bürgergesellschaft (22 Treffer rund 25,7%), Prozessen in Bildungseinrichtungen (14 Treffer rund 16,5%) sowie Beratungen in Vereinen/Verbänden/Bündnissen (10 Treffer gleich 12 %). Auf den Plätzen folgten Beratungen zu rechten Ereignislagen im öffentlichen Raum wie Kundgebungen oder Demonstrationen (8 Treffer entspricht 9,4%) und Sachbeschädigung bzw. rechte Propaganda (4 Treffer entspricht 4,7%). Mit einigem Abstand komplettierten drei Fälle im Zusammenhang mit rechter Gewalt und ein Treffer im Segment NS-Relativierung das Ranking.
Beratungsanlässe 2025

Die Auswertung der Beratungsprozesse zeigt, dass das MBT Anhalt im abgelaufenen Berichtszeitraum insgesamt 32 Bürger:innenbündnisse/ Initiativen pro Demokratie in ganz unterschiedlichen Settings beraten hat. Wie in den Vorjahren korreliert dies mit der Analyse, dass Organisationen die sich für Demokratie und gegen rechts engagieren, im Fokus von Neonazis stehen und sich immer häufiger rechten Unterwanderungs- und Bedrohungsversuchen ausgesetzt sehen.
Dies gilt auch für Vereine und Verbände (19 Beratungsnehmende), Akteur:innen aus der Verwaltung (9 Beratungsnehmende) und Kommunalpolitik (12 Beratungsnehmende), die zusehends mit rechten Veranstaltungen im öffentlichen Raum konfrontiert werden.
Beratungsnehmende – Wer wurde beraten?

Rechte Ideologien und Strukturen spiegeln sich auch im Privatbereich wider, weshalb unter anderem 6 Einzelpersonen (2024: 6 Treffer ) beraten wurden. Mutmaßlich mit einer erhöhten gesamtgesellschaftlichen Sensibilisierung gegenüber Ideologien der Ungleichwertigkeit und menschenverachtenden Ereignissen geht einher, dass jeweils 9 Beratungsnehmende aus dem Medienbereich (2024: 12) und 3 Klient:innen aus dem Bereich Wissenschaft (2024: 2) beraten werden konnten. Die Liste wird komplettiert durch 14 Beratungen im Segment Bildung/Freizeit, die vor allem im Zusammenhang mit Schule standen. Schlussendlich wurden zwei Beratungsnehmende aus Kultur und Wirtschaft (2024: 2) und vier aus Religionsgemeinschaften (2024: 2 Fälle) begleitet. Bemerkenswert ist der enorme Aufwuchs von Hauptberatungsnehmenden in den Prozessen, die in Persona vom MBT Anhalt dabei erreicht worden. Diese Zahl hat sich im Vergleich zum Vorjahr (2024: 154 Personen) mit 315 Menschen mehr als verdoppelt und stellt ein absolutes Allzeithoch dar. Das hängt vor allem damit zusammen, dass die spürbar angestiegenen Fälle in Schulen oftmals das gesamte Kollegium in den Blick nimmt wenn es darum geht, dessen Handlungsfähigkeit im Umgang mit rechten Ereignissen z. Bsp. in Form von Fort- und Weiterbildungen zu stärken. Dem Gemeinwesen orientierten und systemischen Ansatz der Mobilen Beratung folgend, konnte so rechten Ereignislagen aus einem möglichst breiten Spektrum gesellschaftlicher Institutionen heraus gemeinsam begegnet werden.
Lagebild
Delikte / Ereignisse 2025
Die registrierten rechtsextremen Delikte, Angriffe und Ereignisse in der Region Anhalt sind in 2025 erneut angestiegen. In der Chronik konnten im Gesamtjahr 2025 insgesamt 1.091 rechte und neonazistische Ereignisse für Anhalt festgestellt werden, was im Vergleich zum Vorjahreszeitraum (2024: 1004 Einträge) einem Zuwachs um ca. 8,7 % entspricht. Hierbei handelt es sich nicht nur um ein absolutes Allzeithoch, dass seit Bestehen der Chronik (1999) für ein Jahr registriert werden konnte, sondern die Gesamtzahl ist zum zweiten Mal vierstellig. Von den 1.091 Meldungen konnten demnach ca. 42 % (456 Meldungen) dem Landkreis Anhalt-Bitterfeld zugerechnet werden, gefolgt von der kreisfreien Stadt Dessau-Roßlau (350 Meldungen, entspricht ca. 32 %) und dem Landkreis Wittenberg (285 Meldungen, entspricht ca. 26 %). Das signifikante Übergewicht im Landkreis Anhalt-Bitterfeld (ABI) ist auffällig und setzt den Trend aus den Vorjahren fort. Dieser Landkreis führt quantitativ vor allem die Chronikkategorie im Segment der so genannten Propagandadelikte wie Volksverhetzung oder das Verwenden von Symbolen verfassungswidriger Organisationen an.
Ereignisse nach Gebietskörperschaften im Vergleich

2025 sind in 13 Fällen rechte und rassistische Gewalttaten/ Anschläge/ Raubdelikte öffentlich geworden (Anhalt-Bitterfeld: 5, Dessau-Roßlau: 5, Wittenberg: 3) und damit 13,3 % weniger als im Vorjahr (2024:15). Dieser für sich genommene, erfreuliche Trend der Abnahme rechter Gewalt ist in der Region schon für die letzten drei Jahre zu konstatieren und könnte auch mit der deutlich gestiegenen, juristischen Aufarbeitung von extrem rechten Straftaten (Konsequenz und Ermittlungsdruck in die Szene hinein) zusammenhängen. Im Feld der Ehrverletzungen wie Beleidigung/ Bedrohung/ Nötigung und Verleumdung ist mit 44 Einträgen erfreulicherweise ein leichter Rückgang um 8,5 % (2024: 48 Treffer) festzuhalten.
Rechte Ereignisse Region Anhalt insgesamt

Die Zahlen bei rechtsextremen und rechtsoffenen Demonstrationen/ Kundgebungen/ Saalveranstaltungen sind mit 132 fast unverändert (2024:131 Treffer) und damit signifikant höher als vor der Coronapandemie, wo im Schnitt nur 30 solcher Ereignisse pro Jahr in der entsprechenden Chronikkategorie feststellbar waren. Die Demos, Kundgebungen oder Gedenkveranstaltungen – zumeist organisiert aus dem verschwörungsoffenen „Querdenken“-Milieu, der rechtsextremen AfD oder neonazistischen Kleinstparteien – instrumentalisieren nach wie vor die Sorgen der Menschen rund um Energiekrise, Inflation oder Krieg, bedienten russlandsolidarische Diskurse oder verstärkten reichsideologische oder geschichtsrevisionistische Narrative.
Delikte / Ereignisse 2024

Rechte und neonazistische Propagandadelikte und Sachbeschädigungen sind mit 687 Treffern im Vergleich zu 2024 (635) um ca. 8,3 % angestiegen und machen damit ca. 63 % aller Chronikeinträge aus. Im Schnitt sind das fast zwei solcher Propagandataten am Tag. Auffällig ist hier erneut das signifikante Übergewicht im Landkreis Anhalt-Bitterfeld (ABI: 305, DE-RL: 207 und WB: 175).
Kosten durch rechtsextreme Sachbeschädigungen im Vergleich

Erfreulich ist die Entwicklung, dass offenbar immer mehr rechtsextrem motivierten Taten juristisch aufgearbeitet werden. So sind die entsprechenden Meldungen in der Chronik in 2025 um 5,8 % auf 92 Treffer erneut angestiegen (2024:87 Treffer).
Kosten durch rechtsextreme Sachbeschädigungen im 12-Jahres Vergleich

Der erneut leichte Anstieg in der Kategorie „parlamentarische Bestrebungen / Wahlkampf rechtsextremer Parteien“ der mit 92 Treffern über dem Wert von 2024 (82 Treffer) liegt, ist auf die Bundestagswahl im Februar 2025 zurückzuführen. Hier ist zu betonen, dass auch die Einstufung des AfD-Landesverbandes als „gesichert rechtsextrem“ durch den Verfassungsschutz im Jahr 2023 eine Rolle spielt, gehen die meisten Meldungen doch auf diese Partei zurück.
Auffällig ist zudem der deutliche Anstieg im Feld rechtsextremer Partys/Konzerte/aktionsorientierte Angebote (von einem Eintrag in 2024 auf 22 Treffern in 2025). Hier versucht vor allem die neonazistische Kleinstpartei „Der III. Weg“ mit Nachtwanderungen, Kampfsporttrainings oder so genannten „Müllsammlungen“ Jugendliche für ihre Nachwuchsorganisation „Nationalrevolutionäre Jugend“ (NRJ) zu interessieren.
Rechtsextremismus-Monitor für die Region Anhalt / Lagebild
Nach wie vor sind in der Region mehrere neonazistische und extrem rechte Personenzusammenschlüsse in Form von Parteien und losen Gruppen aktiv. Trotz wiederholter „Auflösungen“ und Neugründungen solcher Strukturen, stehen dahinter zumeist dieselben Akteur:innen, welche auch überregional vernetzt sind. Das „Aktionsspektrum“ reicht dabei von Propagandadelikten über Demonstrationen und Kundgebungen bis hin zu Bedrohungen, Beleidigungen und Gewalt. Wichtigster Akteur bleibt die vom Landesamt für Verfassungsschutz als „gesichert rechtsextreme Bestrebung“ eingeordnete AfD. Am Kreisverband Dessau-Roßlau wird deutlich, wie nah die Partei dem organisierten Neonazismus mancherorts steht. Andere Parteien wie „Der III. Weg“ und „Die Heimat“ können kaum noch kommunalpolitische Relevanz entfalten
Neonazistische und extrem rechte Personenzusammenschlüsse/Organisationen: Freeway Riders Mittel / Elbe
Die „Freeway Riders Mittel / Elbe“ sind ein rechtsextremer Motorradclub, der als Nachfolgeorganisation der vom Verfassungsschutz beobachteten Brigade 8 gilt. „President“ des Chapters ist Heiko Behr, der Bruder des verstorbenen Rechtsrockunternehmers Henry Behr, der ebenso Teil des Chapters war. Auch in anderen Bundesländern sind die Freeway Riders in extrem rechte Unternehmer-Strukturen eingebunden. In der Region existiert zudem das Chapter Bitterfeld/Ostfront, mit dem Mittel/Elbe eng kooperiert.
17. August 2025 / Wolfen
Die bundesweit bekannte Rechtsrockband „Kategorie C“ ist im Wolfener Clubhaus der „Freeway Riders Mittel/Elbe“ aufgetreten. Hier werden die Verbindungen zwischen Freeway Riders und dem militanten Rechtsextremismus deutlich. Kategorie C verfügt über Verbindungen zum in Deutschland verbotenen „Blood & Honour“ Netzwerk. Zur Beerdigung des Chapter-Mitglieds Henry Behr reisten ebenfalls Neonazis aus dem „Blood & Honour“-Umfeld an.

Neonazistische und extrem rechte Personenzusammenschlüsse/Organisationen: Der III. Weg
Die neonazistische Kleinstpartei ist seit Beginn 2020 wieder in der Region aktiv, Schwerpunkte liegen in Dessau, Köthen und Aken. Im Jahr 2025 ist vermehrt aufgefallen, dass die Partei mit Aktionsorientierten Angeboten wie Kampfsporttrainings, Nachtwanderungen und Müllsammelaktionen mit, bislang überschaubaren Erfolg, versucht Jugendliche an sich zu binden.
27. Januar 2025 / Aken (Elbe), Landkreis Anhalt-Bitterfeld
An den Privatbriefkästen von Menschen, die sich in Aken für Demokratie engagieren, sind am internationalen Holocaustgedenktag Sticker der neonazistischen Kleinstpartei „Der III. Weg“ aufgetaucht. Dies kann als Einschüchterungsversuch nach dem Motto „Wir wissen wo ihr wohnt“ gewertet werden.

05. Juli 2025 / Bitterfeld-Wolfen (OT Bitterfeld)
Der laut selbstbezeichnete „Anhalt“ der neonazistischen Kleinstpartei „Der III. Weg“ führte eine Nachtwanderung um den Goitzschesee. Diese Aktionsformen dienen dazu die Binnenidetiät innerhalb extrem rechter Gruppierungen zu stärken und sind parallel als neonazistische Raumnahmestrategie zu lesen.

31. Juli 2025 / Dessau-Roßlau (OT Roßlau)
Zwei Tage bevor der Verein Buntes Roßlau sein Demokratiefest „Roßlau rockt für Vielfalt und Toleranz“ auf dem Schillerplatz durchführen möchte, veröffentlicht die Partei „Der III- Weg“ und seine Jugendorganisation „Nationalrevolutionäre Jugend“ (NRJ) auf ihrem Telegram-Kanal einen Beitrag mit der Überschrift „Normal! Weiß! Hetero!“. Auf dem Foto des Posts sind 8 Personen, darunter Kinder zu sehen, welche sich um eine Fahne des III. Weg mit durchgestrichener Pride-Flagge auf dem Schillerplatz gruppiert hat. Dies bildet eindeutig eine symbolische Raumnahmestrategie im Vorfeld des Fests.
Neonazistische und extrem rechte Personenzusammenschlüsse/Organisationen: Die Heimat (ehem. NPD)
Die Dienstälteste rechtsextreme Partei der Bundesrepublik hat seit Gründung der AfD mit einem immensen Bedeutungsverlust zu kämpfen, den sie auch durch die Umbenennung der NPD in „Die Heimat“ nicht ausgleichen konnte. Dennoch existieren auch in der Region Anhalt etablierte Strukturen der Partei, die jedoch selten Handlungsmacht entfalten können. Dennoch gelang es der Partei mit Marcel Kerner (Ortschaftsrat Roßlau) und Benjamin Focke (Ortsvorsteher Gohrau) mehrere Mandate in kommunalen Gremien in der Region zu besetzen. Zudem lebt der neue Landesvorsitzende Jonas Zarrad im Landkreis Wittenberg. Dieser ist auch bundesweit vernetzt und nimmt regelmäßig an neonazistischen Veranstaltungen teil.

Neonazistische und extrem rechte Personenzusammenschlüsse/Organisationen: Rechte Jugendgruppen
Wie im Gesamten Bundesgebiet sind auch in der Region Anhalt vermehrt Gruppen rechter Jugendlicher auszumachen. Bundesweit gehen die im vergangen Jahr eher lose Gruppen mittlerweile vermehrt in Parteistrukturen, vor allem der Jugendorganisation Junge Nationalisten der Partei die Heimat auf. Dort wird versucht eine Art rechter Elite zu bilden, entsprechend hoch sind die Hürden zur Aufnahme. In der Region Anhalt scheint sich ein nennenswerter Teil der Jugendlichen in der neonazistischen Kleinstpartei „Der III. Weg“, respektive deren Jugendorganisation NRJ zu sammeln. Dennoch sind nach wie vor auch lose organisierte Gruppen wie die im Verfassungsschutzbericht erwähnte „Rechte Jugend Roßlau“ zu verzeichnen.

Neonazistische und extrem rechte Personenzusammenschlüsse/Organisationen: Alternative für Deutschland
Seit dem 08. November 2023 führt das Landesamt für Verfassungsschutz in Sachsen-Anhalt die Alternative für Deutschland als „gesichert rechtsextreme Bestrebung“. In der Region Anhalt sind alle Kreisverbände in unterschiedliche Form durch extrem rechte Positionierungen geprägt.
08. Mai 2025 / Dessau-Roßlau (OT Roßlau)
Zum 80. Jahrestag der deutschen Niederlage im Zweiten Weltkrieg sprach auch der Roßlauer Ortsbürgermeister Laurens Nothdurft bei der Gedenkveranstaltung auf dem Sowjetischen Ehrenfriedhof. Den Schwerpunkt seiner Rede bildete eine minutiöse Aufzählung der verschiedenen Gruppen „Deutschen Opfer“. Konzentrationslager, der Holocaust, oder jegliche deutsche Kriegsverbrechen blieben unerwähnt. Übrig bleiben nur Soldaten, die in „Erfüllung ihrer Pflicht“ gefallen sind. Diese Rede steht somit exemplarisch für die fortschreitende Entkernung des Gedenkens und eine rechtsextreme Umdeutung geschichtlicher Ereignisse.
16. Dezember 2025 / Bitterfeld-Wolfen (Stadtrat)
Die AfD-Fraktion hat gemeinsam mit den Stimmen der rechtsoffenen Gruppierung „Pro Bitterfeld-Wolfen“ einen sogenannten Sperrvermerk gegen die Partnerschaft für Demokratie Bitterfeld-Wolfen (PfD) durchgesetzt. Damit hat sie zumindest den aus der Kommune stammenden Teil der Förderung des Demokratieförderprogramms in Frage gestellt. Dies ordnet sich in eine bundesweite Entwicklung ein, bei der die AfD seit Jahren versucht, PfDs öffentlich zu diskreditieren und in deren Arbeit einzuschränken.
Neonazis in der Alternative für Deutschland
René Diedering
Bis Ende 2024 hatte Diedering den Vorsitz der AfD-Stadtratsfraktion Dessau-Roßlaus inne. 2018 wurde er noch dem Umfeld der rechtsextremen NPD zugeordnet. Wegen des Vorwurfs der doppelten Parteimitgliedschaft musste er zwar seinen Posten räumen und aus der AfD austreten, sitzt jedoch weiterhin als Vize-Vorsitz in der AfD Fraktion. Februar 2025 und 2026 nahm Diedering am jährlichen Neonaziaufmarsch in Dresden teil, wobei der Opfermythos der Bombardierung durch die Alliierten 1945 als „Bombenholocaust“ bedient und der Holocaust in Frage gestellt wird.
Laurens Nothdurft
Der seit 2024 amtierende Ortsbürgermeister Laurens Nothdurft hat eine einschlägige Vergangenheit in der 2009 verbotenen Neonaziorganisation Heimattreue Deutsche Jugend (HDJ), bei der er zeitweise als Führungskader fungierte. Gemeinsam mit seinem Vater Joachim (ebenfalls früher im HDJ-Umfeld) sitzt er im Dessau-Roßlauer Stadtrat. Der Jurist vertrat zudem das ultra rechte Compact Magazin um Jürgen Elsässer als Anwalt im Juli 2025 vor Gericht. Auch dies zeigt die weiterhin feste Einbindung eines früheren völkischen Aktivisten in Deutschlands extrem rechte Kreise.

Peter Schulz
Der ehemalige V-Mann des Verfassungsschutzes zeigt sich immer wieder im Umfeld der AfD, so postet er unter anderem Beiträge für den Kreisverband Wittenberg. Als V-Mann war er in den 1990er Jahren in der „NSDAP-AO“ Spitzel, durch unter anderem seine Aussagen wurde das Verbotsverfahren eingeleitet. Bei dieser durch den amerikanische Neonazi Gary Lauck gründeten Aufbauorganisation („AO“) waren mehrere Größen des deutschen Neonazismus Mitglied. Obwohl sich Schulz wenig später als Aussteiger darstellte, hat er nach wie vor Verbindungen ins extrem rechte Milieu.


Die AfD als Sammelbecken der extremen Rechten
Die feste Einbindung dieser Akteure steht exemplarisch für den Schulterschluss der AfD mit der extremen Rechten. Im als „gesichert rechtsextreme Bestrebung“ eingestuften Landesverband Sachsen-Anhalt wird sich an einer einschlägig extrem rechten Vergangenheit nicht gestört. Im Gegenteil wird diese nicht nur geduldet, sondern wirkt bei den vorgestellten Personalien beinahe wie eine Qualifikation. Zudem werden die eigenen Umvereinbarkeitsbeschlüsse nicht weiter eingehalten. Das rechtsextreme Parteiprojekt kann somit auch in dieser Region als Steigbügelhalter, und Sammelbecken der extremen Rechten gesehen werden.
Montagsdemos
Die verschwörungsideologischen Demonstrationen in der Region haben mittlerweile einen toten Punkt erreicht. Ihnen gelingt es nur ein durchradikalisiertes Milieu zu erreichen, das jedoch kein breiteres Mobilisierungspotenzial mehr entfalten kann. Zu den Montagsdemos in Dessau-Roßlau haben wir im Juni 2024 ein ausführliches Analysepapier veröffentlicht. In Wittenberg kam es nach den langem laufenden Konflikten inhaltlich und personell zu einer Spaltung. Trotz der wöchentlichen Kundgebungen haben die Veranstaltungen ihren Leuchtturmstatus in der Region verloren. In Bitterfeld-Wolfen werden die Veranstaltungen einmal monatlich vom dortigen AfD- Stadtverband ausgerichtet. In Köthen und Zerbst finden ebenfalls nach wie vor kleine Veranstaltungen statt, dort jedoch hält sich das Sendungsbewusstsein der Orga-Gruppen in Grenzen.
Rechte Bedrohungsszenarien
23. März 2025 / Dessau-Roßlau (OT Roßlau)
Erneut findet ein Mitglied des Vereins „Buntes Roßlau“ einen neonazistischen Aufkleber an seinem beruflich genutzten Ladenlokal. Das Motiv „Kniet nieder – Die Deutschen kommen“ unterstreicht den Versuch einer Bedrohung im sozialen Nahraum.

16. August 2025 / Aken (Elbe), Landkreis Anhalt-Bitterfeld
Beim Stadtfest in Aken (Elbe) kam es zu mehreren Fällen rechter Gewalt am Rande eines Stadtfestes. Drei Mitglieder des örtlichen Vereins „Wir mit Dir“ mussten sich so vor einem bekannten Neonazi aus der Region in Sicherheit bringen. Dieser verfolgte sie zusammen mit einer Gruppe rechtsextremer Jugendlichen. Am Folgetag kam es zudem zu einem schweren Angriff auf ein weiteres Vereinsmitglied. Der Mann wurde im Beisein seines 5-jährigen Sohnes aus einer Gruppe von Jugendlichen heraus als „Antifasau“ bezeichnet. Kurz darauf versuchte der Mann, die Gruppe zur Rede zu stellen, woraufhin ihn einer der Jugendlichen mit Pfefferspray attackierte.
Rassistische Vorfälle in 2025
Seit Januar 2025 / Dessau-Roßlau
Seit Anfang des Jahres wird eine vietnamesische Familie, welche in der Stadt einen Imbiss betreibt, permanent belästigt. Es begann mit ständigen Anrufen an den Familienvater, ab Februar folgten zahlreiche Klingelstreiche durch Unbekannte. Laut Fotos handelt es sich dabei um eine Gruppe von 5 bis 6 Jugendlichen. In der Zwischenzeit gab es mindestens zwei Urinattacken gegen die Haustür. Am 15. März ist die Lage mit einem Brandanschlag auf das Haus eskaliert: eine Handvoll angezündetes Papier wurde gegen die Haustür geworfen. Ermittlungen wurden nur aufgrund der vorangegangenen Belästigungen eingeleitet.
23. Januar 2025 / Dessau-Roßlau (OT Dessau)
Am Dessauer Hauptbahnhof kommt es zu einer rassistischen Attacke. So steigt der Geschädigte aus einem Regionalexpress aus und wird unmittelbar von von zwei Tätern geschubst und aufgrund seiner Hautfarbe rassistisch beleidigt. Andere Reisende die dem Betroffenen zu Hilfe eilen, werden von den tatverdächtigen Männern (27 und 40 Jahre) ebenfalls attackiert.
06. Mai 2025 / Sandersdorf
Ein 50-Jähriger bedroht und beleidigt einen schwarzen Postboten als „Scheiß Kanake“ und beschädigt dessen Brille. Aufgrund von Nötigung, Beleidigung und Sachbeschädigung (StGB §240, §185 und §303) wurde im Dezember 2025 Antrag auf Strafbefehl gestellt.
27. August 2025 / Dessau-Roßlau
Joachim Nothdurft (AfD) diskreditiert Migrant:innen im Amtsblatt unter der Überschrift „Migrationsanteil in Grundschulen in Dessau-Roßlau“. Die steigenden Zahlen von Schüler:innen mit Migrationsbiographie trügen laut Nothdurft zu einer Herabsetzung der Qualität des Unterrichts bei, das Problem „wächst mit deren Anzahl“. Diese Aussagen diskriminieren die Schüler:innen in rassistischer Manier und sind einer an Teilhabe orientierten Gesellschaft diametral entgegengesetzt.
Rechte Ereignisse an Schulen
21. Januar 2025 / Dessau-Roßlau
Eine 15-Jährige Person äußert sich mit der Parole „Fuck all N******“ in der Hofpause aneiner Schule rassistisch. Ein Verfahren wegen Volksverhetzung (StGB § 130) und Beleidigung (StGB § 185) wurde im Dezember mit erzieherischen Maßnahmen (§ 45 II JGG) eingestellt.
03. März 2025 / Dessau-Roßlau (OT Dessau-Süd)
An der Sekundarschule Kreuzberge werden zwei syrische Schülerinnen (14 und 15 Jahre) während einer Auseinandersetzung beleidigt, bedroht und verletzt. Im Nachgang der Attacke werden beide zur weiteren Versorgung in ein Krankenhaus gebracht
Queer- und Homofeindliche Ereignisse
17. Mai 2025 / CSD Dessau-Roßlau
Nach dem Christopher Street Day in Dessau meldet sich eine Person zu Wort, die in den sozialen Medien einen Angriff gegen Ende des CSD Dessau-Roßlau öffentlich macht. Die betroffenen Person gibt an, zunächst homophob beleidigt und später auch ins Gesicht geschlagen worden zu sein. GegenPart ließ sich diese Darstellung von unbeteiligten bestätigen. Eine weitere Berichterstattung zu dem Vorfall gab es nicht.
12. Juli 2025 / CSD Köthen
Nach den diversen Beleidigungen, Bedrohungen, einem Buttersäureangriff und mehreren Körperverletzungsdelikten während des CSD 2024 in der Bachstadt kam es in diesem Jahr nur vereinzelten Provokationen. Der Polizei gelang es die rechten Störer:innen von dem Aufzug fern zu halten. Mehrere Rechtsextreme der Gruppierung „Deutsche Jugend zuerst“ aus Halle/Saale bekamen in einer Gefährderansprache die Auflage sich zum Zeitpunkt des CSD im Polizeirevier Halle melden zu müssen.

21. Juni 2025 / CSD Wittenberg
Erstmalig fand der CSD (Christopher Street Day) mit ca. 460 Menschen in Wittenberg statt. An einer zeitgleich stattfindenden Gegendemo der neonazistischen JN (Junge Nationalisten – Jugendorganisation der Partei „Die Heimat), die vom Hauptbahnhof startete, nahmen 70 Rechtsextremisten teil, darunter der JN-Aktivist Jonas Zarrad aus der Lutherstadt, der die Versammlung auch angemeldet hatte. Die Aktivisten marschierten hinter dem Frontbanner „NEIN zum CSD! Unsere Stadt bleibt Hetero!“. Vereinzelt kam es am Rande zu Provokationen durch die jungen Rechtsextremisten, eine Strafanzeige wegen Beleidigung wurde erstattet. Zudem wurde der ehemalige V-Mann Peter Schulz auf dem Marktplatz identifiziert.

Antisemitische Ereignisse
26. Januar 2025 / Dessau-Roßlau
Nur einen Tag vor dem internationalen Holocaustgedenktag wird der jüdische Friedhof in Dessau geschändet. Bislang unbekannte Täter haben eine Hinweistafel des Friedhofs am Leipziger Tor mit „SA“ und „SS“ besprüht.
25. Juni 2025 / Wittenberg
Bereits 2024 hat sich in Wittenberg ein Friedenskomitee gegründet. Dieser Gruppe gehören neben BSW, FDP und SPD auch Vertreter*innen der DKP und AfD an. Bei dem Treffen im Juni wird davon gesprochen, dass „der moderne Zionismus ein zutiefst rassistisches System“ sei- eine antizionistische Argumentationsfigur, die durchaus dem israelbezogenen Antisemitismus zugerechnet werden kann. Eine andere Teilnehmerin übt sich in der Relativierung der Shoa wenn sie davon spricht, dass das Leid das die Juden erfahren hätten nicht mit anderem Unrecht (den Opfern im Gaza-Krieg) wiedergutzumachen wäre.
Resümee
Die registrierten rechtsextremen Delikte, Angriffe und Ereignisse in der Region Anhalt sind nach einem starken Anstieg 2024 im letzten Jahr (2025) erneut angestiegen. Hierbei handelt es sich erneut um ein absolutes Allzeithoch, dass seit Bestehen der Chronik (1999) für ein Jahr registriert werden konnte – und dies mit 1091 Ereignissen zum zweiten Mal vierstellig. Dass fast 63% der Chronikmeldungen dem Bereich der rechtsextremen Propaganda zuzurechnen sind ist ein Befund, der auch in den vergangenen Jahren zu verzeichnen war. 2025 sind in 13 Fällen rechte und rassistische Gewalttaten/ Anschläge/ Raubdelikte öffentlich geworden (Anhalt-Bitterfeld: 5, Dessau-Roßlau: 5, Wittenberg: 3) und damit 13,3 % weniger als im Vorjahr (2024:15). Dieser für sich genommene, erfreuliche Trend der Abnahme rechter Gewalt ist in der Region schon für die letzten drei Jahre zu konstatieren und könnte auch mit der deutlich gestiegenen, juristischen Aufarbeitung von extrem rechten Straftaten (Konsequenz und Ermittlungsdruck in die Szene hinein) zusammenhängen. Auffällig ist zudem der deutliche Anstieg im Feld rechtsextremer Partys/Konzerte/aktionsorientierte Angebote (von einem Eintrag in 2024 auf 22 Treffern in 2025). Hier versucht vor allem die neonazistische Kleinstpartei „Der III. Weg“ mit Nachtwanderungen, Kampfsporttrainings oder so genannten „Müllsammlungen“ Jugendliche für ihre Nachwuchsorganisation „Nationalrevolutionäre Jugend“ (NRJ) zu interessieren.
Die Seit Herbst 2023 in Sachsen-Anhalt als „gesichert rechtsextrem“ geltende AfD hat ihre Radikalisierung im vergangenen Jahr kaum mehr kaschiert. Mit Laurens Nothdurft und René Diedering sind zwei Akteure mit klar neonazistischer Vita für die Partei im Stadtrat von Dessau-Roßlau aktiv. Die Erfolge, welche die Partei trotz – oder wegen – dieser Personalien verzeichnen konnte bestätigen den Befund, dass ihre Radikalisierung der Partei eher nützt als schadet. Zudem ist zu beobachten, dass sich nennenswerte Teile ihrer gemäßigten Anhänger:innen gemeinsam mit der Partei radikalisiert haben. Die Konsolidierung der Partei als Machtfaktor auf verschiedenen politischen Ebenen spiegelt sich auch in Beratungsprozessen wieder. Das gesellschaftliche Klima ist für demokratisch Engagierte zunehmen rauer geworden, teils wird ihr Engagement auch aufgrund der Wahlergebnisse in Frage gestellt.
Auch der bundesweite Trend zu einem Erstarken des jugendlichen Rechtsextremismus war in der Region zu erkennen. Dazu haben wir in 2025 insgesamt 12 komplexe Beratungsfälle an Schulen in der Region mit dem Ziel begleitet, die Handlungssicherheit bei Kollegien und Schulleitungen zu stärken. Dieser Trend bei den Beratungsanlässen setzt sich 2026 unvermindert fort. Und auch hier gibt es einen Link zur AfD die zusehends auch in der Region versucht, dass vermeintliche „liberale Bildungssystem“ zu diskreditieren und zu schmählern. Im Gegensatz zu den medial bekannteren Fällen können wir allerdings keine einflussreichen Social-Media Profile oder öffentlich zur Schau gestellte Gruppenstrukturen erkennen. Umso wichtiger ist es, denjenigen die sich nach wie vor für die Demokratie und gegen rassistische, antisemitische, queerfeindliche und andere menschenfeindliche Tendenzen engagieren, den Rücken zu stärken.
Mit Blick auf die anstehende Landtagswahl 2026 sind dies die wichtigsten Multiplikator:innen für eine demokratische Kultur, weshalb politische Akteur:innen aller Ebenen diese Ressource verstärkt anerkennen sollten.


