Blog

Historischer Dammbruch in Sachsen-Anhalt: Rechtsextreme AfD schrammt knapp an der absoluten Mehrheit vorbei – Regierungsoption dennoch möglich

Dessau

Pressemitteilung der Mobilen Beratung in Anhalt

Foto: Projekt GegenPart; beschädigtes AfD-Großbanner im südlichen Anhalt am 24.08.2026

Laut vorläufigem, amtlichen Ergebnis hat die vom hiesigen Verfassungsschutz als „gesichert rechtextreme Bestrebung“ eingestufte AfD zur Landtagswahl am 06. September 2026 43,8 % Prozent der Zweitstimmen geholt – und hat damit zumindest rechnerisch eine Regierungsoption. Alles hängt nun vom BSW (Bündnis Sahra Wagenknecht) ab, dass 5,3 % erzielte und zum Königsmacher der rechtsextremen Partei werden könnte.    

Ganz offensichtlich konnten daran auch die zahlreichen Positivkampagnen wie „Sachsen-Anhalt Weltoffen“ (mehr dazu hier…), „Bewusst wählen!“ (mehr dazu hier…), „Ich wähle demokratisch, weil (…)“ (mehr dazu hier…), „Wahre Heimatliebe ist…“ (mehr dazu hier…) und (hier…), „Lieder aus Sachsen-AnHaltung“ (mehr dazu hier…) und (hier…), #mach dein Kreuz (mehr dazu hier…) , „Taktisch wählen“ (mehr dazu hier…) oder #StolzaufVielfalt (mehr dazu hier…) nur bedingt etwas ändern. Das trifft auch auf Negativkampagnen – also solche die die AfD direkt benennen – wie zum Beispiel ReVison26 (mehr dazu hier…) und die Postkartenaktion vom „Netzwerk Besorgt um Sachsen-Anhalt“ aus Dessau-Roßlau zu (mehr dazu hier…) und (mehr dazu hier…).

Foto: Projekt GegenPart am 31.08.2026 in Bitterfeld

Einordnung und rechtsextremes Personal – Regionalanalyse der AfD-Wahlergebnisse in der Region Anhalt

Eine Vielzahl an Funktionären und Parteimitgliedern die nun in der Region erstmals oder wieder für die AfD kandidierten, weisen eine enge Vernetzung und habituelle Nähe zu extrem rechten Strukturen und Argumentationsfiguren auf. In allen Wahlkreisen der Region holte die AfD die Direktmandate (Erstimmen). Dieses Bild lässt sich auch fast auf das gesamte Bundesland übertragen. Nur der Partei DIE Linke gelang es, in Magdeburg und Halle insgesamt 3 Direktkandidaten durchzubringen. Und im Wahlkreis Halle III gelang es Bündnis 90/Die Grünen mit 33,7 % die Zweitstimmen zu gewinnen.   

Im Wahlkreis 22 (Köthen) holte der in Gemeinde Muldestausee wohnhafte Volker Olenicak mit 50,2 % Prozent der Erststimmen das Direktmandat.

Olenicak zog bereits bei der Landtagswahl 2016 mit 33,4 % der Erststimmen als Direktkandidat im Wahlkreis Bitterfeld in den Landtag ein und war dort Mitglied in der Parlamentarischen Kontrollkommission, dem Ausschuss der den Verfassungsschutz kontrollierte (mehr dazu hier…) und (hier…).

Im Jahr 2017 stellte er sich bei den internen AfD-Streitereien gegen den AfD-Landesverband und Andre Poggenburg und reichte Klage gegen die Kandidatenliste ein, die allerdings zurückgewiesen (mehr dazu hier…) wurde. Im Jahr 2021 schied er zunächst wieder aus dem Landtag aus. Er fiel mehrfach wegen rassistischen sowie antisemitischen Äußerungen und Posts auf seiner Facebook-Seite auf (mehr dazu hier…) und (hier…). So bezeichnete er unter anderem Angela Merkel als eine „zionistische US-Agentin“ und teilte Beiträge die suggerieren die Rothschilds würden die nächste Wirtschaftskrise vorbereiten oder der Mossad sei für die Ermordung des FDP Politikers Jürgen Möllemann verantwortlich (mehr dazu hier…), (hier…) und (hier…). Auch war er bei Mahnwachen der Montagsdemonstrationen in Bitterfeld aus der Reichsbürgerbewegung und mindestens einer Pegida-Demonstration zugegen (mehr dazu hier…).

Im Wahlkreis 23 (Zerbst) hat Phillipp-Anders Raus mit 48,1 der Erststimmen das Direktmandat gewonnen. Und noch ein bemerkenswertes Schlaglicht aus dem Wahlkreis Zerbst, zudem auch die Stadt Aken gehört. In der Kleinstadt an der Elbe erzielte die AfD immerhin 47,1 Prozent der Zweitstimmen und dies, obwohl die rechtsextreme Partei keinerlei Strukturen vor Ort hat und nicht im Stadtrat vertreten ist. Eine lokale Verankerung in der Fläche scheint also offenbar keine Wahlvoraussetzung zu sein.   

Phillipp-Anders Raus, der aus Wahlitz (Gommern) stammende AfD-Kandidat weist ein ganzes Portfolio an Verfehlungen auf (mehr dazu hier…).

Er wurde mehrfach zu Haftstrafen auf Bewährung verurteilt. 2009 wurde er zu einem Jahr auf Bewährung verurteilt wegen gemeinschaftlichen Diebstahls. 2012 erschlich er sich mit einem gefälschten Abiturzeugnis einen Studienplatz für Journalistik– dafür wurde er zu einer Haftstrafe von acht Monaten auf Bewährung verurteilt (mehr dazu hier…). Als „Erklärung“ führte Rau hierfür seinen Kokainkonsum an. Auch soll er in mehreren Sexvideos mitgewirkt haben. Zwischenzeitlich hatte Philipp-Anders Rau eine Doppelmitgliedschaft in der AfD und der CDU. So soll er bereits seit 2013 AfD-Mitglied gewesen sein, trat jedoch erst am 13.05.2016 aus der CDU aus. Laut der Mitteldeutschen Zeitung, lag von 2021 bis 2024 Privatinsolvenz über seinem Vermögen vor.

2024 besuchte er mit weiteren AfD-Politikern die Wahlparty von Donald J. Trump in Florida und lies sich dort mit ihm Fotografieren (mehr dazu hier…).

Neben anderen AfD-Größen aus Sachsen-Anhalt war Rau zudem Teil der sogenannten „Pokerrunde“ und spielte eine Rolle innerhalb eines Konfliktes im AfD-Landesverband (mehr dazu hier…). Trotz eines fehlenden erweiterten Führungszeugnisses stand er bei der Bundestagswahl am 23. Februar 2025 auf Platz drei der Kandidatenliste (mehr dazu hier…).

Darüber hinaus geriet er 2017 in die Kritik als Chatnachrichten öffentlich wurden, in denen er gegen Geflüchtete hetzte und seinen Keller als „Haftraum“ vorschlug (mehr dazu hier…).

Foto: Projekt GegenPart am 12.08.2026 in Aken

Der im Wahlkreis 24 (Wittenberg) aufgestellte Direktkandidat Andreas Best erzielte 43,0 % der Erststimmen. Best ist im Jahr 2015, wie viele Mitglieder der AfD, politisch aktiv geworden, weil er sich mit der Migrationspolitik der Regierung unzufrieden zeigte. Er ist in der Öffentlichkeit noch nicht kritisch aufgefallen und gibt sich sehr als bodenständiger Kümmerer in der Region.

Foto: Projekt GegenPart am 05.08.2026 in Wittenberg

Matthias Lieschke errang im Wahlkreis 25 (Jessen) mit 49,8 % das Direktmandat. Der AfD-Kreisvorsitzende und Landtagsabgeordnete spielte eine tragende Rolle im Konflikt innerhalb des AfD-Landesverband Sachsen-Anhalt.

Lieschke hatte vermeintlich heimlich ein Parteitreffen mitgeschnitten und die Aufnahmen weitergeleitet. Im Dezember 2025 wurde ein Parteiausschlussverfahren gegen Lieschke gestartet aufgrund von schwerem partei- und fraktionsschädigendem Verhalten. Zum Jahresbeginn 2026 sollte er dann von der Fraktion ausgeschlossen werden (mehr dazu hier…), (hier…) und (hier…).

Im August 2026, kurz vor der Landtagswahl, schien der Konflikt dann niedergelegt worden zu sein und das eingeleitete Parteiverfahren wurde beendet. Der AfD-Pressesprecher Patrick Harr (mehr dazu hier…) sagte gegenüber der Ostdeutschen Allgemeinen Zeitung „Das Ausschlussverfahren ist obsolet […] man hat sich mit Matthias Lieschke geeinigt.“ (mehr dazu hier…). Lieschke zeigt sich besonders russlandnah. Er soll laut t-online in dem pro-russischen Verein „Wostek e.V. des Abgeordneten Hans-Thomas Tillschneider im Vorstand sitzen (mehr dazu hier…) und nahm 2017 an einem Anti-Sanktionsgipfel gegen Russland teil (mehr dazu hier…).

Im Wahlkreis 26 (Dessau-Roßlau) stand der relativ unbekannte Burkhardt Ratzmann zur Wahl, der dennoch mit 40,8 Prozent der Erststimmen das Direktmandat errang. Bemerkenswert ist hier der Vergleich zu anderen Erstimmenergebnissen in der Region. Stellt man beispielsweise die Ergebnisse von Volker Olenicak (WK 22) oder Daniel Roi (WK 28) gegenüber, sind das immerhin 10 Prozentpunkte weniger. Auch bei den Zweitstimmen schnitt die AfD mit 38,1 % unterdurchschnittlich ab. Das ist einerseits mit dem Landestrend zu erklären, dass die rechtsextreme Partei in den Oberzentren bzw. Großstädten generell schlechter abschnitt. Und andererseits mit dem Umstand, dass es in der Dessauer Kommunalpolitik (Stadtrat) keine strokturelle Zusammenarbeit oder Kooperation mit der AfD gibt. 

Burkhardt Ratzmann ist erst 2018 der AfD beigetreten und übernahm im Juli 2019 den Posten als Fraktionsvorsitzender von Rene Diedering, nach dem bekannt wurde, dass dieser zu Zeitpunkt seines AfD-Beitritts noch eine Doppelmitgliedschaft in der NPD (mittlerweile Die Heimat) innehatte. Der AfD-Kreisverband jedenfalls scheint Rene Diedering trotz seinen Parteiaustritts weiter zu vertrauen. Hat er doch nun die Position eines stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden inne  (mehr dazu hier…) und (hier…).

Foto: Projekt GegenPart am 21.08.2026 in Dessau

Im Wahlkreis 27 (Dessau-Roßlau-Wittenberg) hat Nadine Koppehel ihr Direktmandat mit 45,5 verteidigt. Sie ist eine der wenigen kandidierenden Frauen innerhalb der AfD. So liegt der Frauen-Anteil unter den Bewerber*innen bei 12,1 %.

Koppehel ist 2015 in die AfD eingetreten und seit 2021 Abgeordnete im Landtag Sachsen-Anhalt. Ihre Mutter ist die AfD-Politikerin Margret. Koppehel bekannte sich offen zum völkisch-nationalistischen Parteiflügels um Björn Höcke und zeigt sich immer wieder vertraut und mit einer habituellen Nähe zur extrem rechten Szene (mehr dazu hier… [Zeitmarker: 22:50]), (hier…) und (hier…).

Koppehel geriet insbesondere im Frühjahr 2026 im Rahmen der AfD-Verwandtenaffäre in den Fokus der Öffentlichkeit. So soll sie im Wahlkreisbüro, welches sie gemeinsam mit ihrer Mutter betreibt, 16 Mitarbeitende beschäftigen. Mit den Mitarbeitenden ihrer Mutter waren somit in dem Büro 23 Personen beschäftig  (mehr dazu hier…). In Sachsen-Anhalt wurden durchschnittlich drei Mitarbeitende pro Landtagsabgeordneten über die Mitarbeiterpauschale finanziert (mehr dazu hier…).

Foto: Projekt GegenPart am 21.08.2026 in Rosslau

Im Wahlkreis 28 (Bitterfeld- Wolfen) konnte Daniel Roi mit 50,9 % das Direktmandat erringen. Daniel Roi hat in den letzten zehn Jahren maßgeblich daran mitgewirkt, dass in Bitterfeld die rechtsextreme AfD bis in die Mitte der Gesellschaft hineinwirkt. Außerdem gilt er als einer der führenden AfD-Strategen in Sachsen-Anhalt.

Roi ist seit 2013 Mitglied der AfD und Kreisvorsitzender der AfD Anhalt-Bitterfeld. Er ist damit einer der dienst ältesten AfD-Kreisvorsitzendenden bundesweit. Zwischenzeitlich war er im Jahr 2016 parlamentarischer Geschäftsführer der Landtagsfraktion. 2017 drohte ihm innerhalb interner Konflikte der AfD-Sachsen-Anhalt ein Parteiausschlussverfahren, er wurde zum Ende jedoch lediglich verwarnt (mehr dazu hier…). Bis 2019 hatte er den Vorsitz der Enquete-Kommission „Linksextremismus“ inne (mehr dazu hier…).

2019 tauchten Bilder aus dem Jahr 2009 auf, die Roi bei dem sogenannten „Trauermarsch“ Dresden zeigen. Dort ist er in dritter Reihe neben der NPD-Funktionärin Carola Holz, hinter einem Banner der „Freie Nationalisten aus Anhalt Bitterfeld/Dessau“ zu sehen (mehr dazu hier..) und (hier…). Im Jahr 2024 sprach Roi auf einer so genannten Montagsdemonstration in Bitterfeld und äußerte sich dabei strukturell antisemitisch, wie ein hinterher veröffentlichtes Video belegt (mehr dazu hier…).

Zudem wirkte er aktiv an einem AfD-Leitfaden mit welcher aufzeigt, wie das Programm „Demokratie leben!“ diffamiert und umgedeutet werden soll (mehr dazu hier…). Mit dem Satz „Jetzt ist es die Gelegenheit, den Sumpf auszutrocknen“ wird darin beschrieben, wie auf die Mittel- und Projektvergabe eingewirkt werden kann (mehr dazu hier…), (hier…)  und (hier…).

Gesellschafts- und wirtschaftspolitische Folgen des Wahlergebnisses noch nicht absehbar

Zwei etablierte Forschungseinrichtungen haben schon vor dem 06. September einen Blick in das AfD-Wahlprogramm geworfen und analysiert, in wie weit dies finanzierbar wäre und welche Auswirkungen es auf die Menschen in Sachsen-Anhalt hätte.

Das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) hat gegen gerechnet. Die zentrale Fragestellung: Sind die vielen AfD-Versprechen und Leistungen angesichts der Tatsache, dass die Partei Steuern senken und auf neue Schulden verzichten will, fiskalisch überhaupt realisierbar (mehr dazu hier…) und (hier…)?

Die Antwort fällt laut dem IWH ernüchternd aus, kommen die Wirtschaftswissenschafter doch zu dem Schluss, dass die insgesamt 136 kostenwirksame Maßnahmen – soweit sie mit amtlichen Quellen zu beziffern sind – 2,2 Milliarden Euro kosten würden. Immerhin ein Viertel der Steuereinnahmen des Landes oder € 1.000,00 pro Jahr und Einwohner:

Der bezifferbare Finanzierungsbedarf beträgt damit rund 2,5 Mrd. Euro pro Jahr. Dem stehen bei großzügiger Auslegung rund 243 Mio. Euro belegbare Einsparungen gegenüber. Von jedem Euro sind damit nicht einmal zehn Cent gedeckt. Es bleibt eine Lücke von mindestens 2,2 Mrd. Euro pro Jahr.“

Das „Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung“ (DIW Berlin) spricht in seiner Analyse von dem AfD-Paradox (mehr dazu hier…), (hier…) und (hier…). Regionen mit einer überproportional hohen AfD-Wählerquote leiden meist stärker an einer AfD-Politik als andere. Die daraus resultierende Unzufriedenheit führt zu einer Unterstützung der AfD – was die Lebenssituation weiter verschlechtert. Diese Abwärtsspirale ist laut DIW insbesondere in Sachsen-Anhalt zu erahnen. Laut der Studie würden Menschen in Sachsen-Anhalt unter einer AfD-Alleinregierung im Durchschnitt 1.600 Euro Einkommen pro Kopf jährlich verlieren. Darüber hinaus könnten rund 10.000 Arbeitsplätze verloren gehen. Ein weiterer in der Studie zu berücksichtigenden Punkt ist die angedrohte Beschränkung der Zuwanderung im Zusammenhang mit der Demografie. So hat Sachsen-Anhalt bereits das höchste Bevölkerungsalter im Bundesdurchschnitt.

„Die AfD-Politik senkt die Zuwanderung drastisch. Für Sachsen-Anhalt dürfte dies einen Rückgang der jährlichen ausländischen Zuzüge um etwa 45 bis 65 Prozent bedeuten. Für ein alterndes Land mit Abwanderung junger Menschen verschärft das den Fachkräftemangel massiv und gefährdet Gesundheitsversorgung, Handwerk und öffentliche Daseinsvorsorge.“

Ulrich Siegmunds Lösung für diese Demografiebombe mit Arbeitsmarktbezug ist derweil keine. Der AfD-Spitzenkandidat und womöglich designierte Ministerpräsident will diese Lücke mit rückkehrwilligen Menschen schließen, die Deutschland längst verlassen haben. Auch auf Nachfrage kann er dafür keine Zahlen nennen – weil es die nicht gibt. Siegmunds Strategie dazu ist mit „anekdotischer Evidenz in seiner AfD-Blase“ noch euphemistisch umschrieben.

Über die bildungspolitischen Konsequenzen des Wahlsonntags wurde im Vorfeld viel debattiert. Ob die Einschränkung der Schulpflicht, die Quasiabschaffung der Inklusion oder Sonderklassen für geflüchtete Kinder und Jugendliche, da Bildung Ländersache ist kann die AfD hier tatsächlich Schaden anrichten. Sollten diese Maßnahmen tatsächlich umgesetzt werden scheint es wahrscheinlich, dass sich damit demnächst Gerichte befassen werden um deren Verfassungsmäßigkeit zu überprüfen (mehr dazu hier…) und (hier…).

Foto: Projekt GegenPart am 31.08.2026 in Bitterfeld


Eine gerichtliche Überprüfung dürfte auch der von der AfD angekündigte Ausstieg aus den Rundfunkstaatsverträgen irgendwann nach sich ziehen. Denn Aussteigen allein reicht nach einem Urteil des Bundesverfassungsgerichtes nicht, denn ein öffentlich-rechtlicher Rundfunk ist obligatorisch, der verfassungsrechtliche Rundfunkauftrag besteht auch in Sachsen-Anhalt fort. Ob der von der AfD präferierte „Grundfunk“ diese Kriterien erfüllt und wie dieser dann finanziert werden soll, muss sich noch zeigen.

Im wörtlichen Sinne trifft der Kulturkampf von Rechts der AfD auch und vor allem den Kulturbetrieb im Land. Nicht nur das Bauhaus in Dessau, dass der rechtsextreme AfD-Landesverband als „Irrweg der Moderne“ bezeichnete (mehr dazu hier…), dürfte zukünftig im Fokus von Delegitimierungskampagnen stehen. Ob nicht genehme Sozio- oder Subkultur, die Theater oder Kulturstiftungen, sie alle sollen mit einem „patriotischen Bekenntnis“ zur Selbstverleugnung- und Zensur gezwungen werden. Die erwartbaren Hebel hier: Fördermittel, bürokratische Hürden und Stellenstreichungen. Dass die AfD den Landesslogan von „modern denken“ in „deutsch denken“ abändern möchte, ist dabei nur die Spitze der blauen Welle.

Foto: Projekt GegenPart am 19.10.2024 in Dessau


Und ganz besonders hart, dafür ist keine Glaskugel notwendig, wird es Migrantenselbstorganisationen, Beratungsprojekte gegen Rechtsextremismus und Antisemitismus und Maßnahmen der Demokratieförderung treffen. Deren über zwei Jahrzehnte erworbenes Know How wäre auf einen Schlag verschwunden. Denn es ist mehr als wahrscheinlich, dass eine der ersten Amtshandlungen einer von der AfD geführten Regierung die Einstellung der entsprechenden Förderprogramme ist. Diese Lücke kann durch den Bund, Stiftungsgelder oder Spenden sicherlich nur unzureichend kompensiert werden. Doch nicht nur die engagierte Zivilgesellschaft steht auf der AfD-Diskreditierungsagenda. Die Landeszentrale für politische Bildung, die u. a. Gedenkstättenfahrten finanziert und organisiert, will die AfD abschaffen und in ein „Landesinstituts für staatspolitische Bildung und kulturelle Identität“ umwandeln – völkische Identitätspolitik in Reinkultur (mehr dazu hier…).     

Die Zusammensetzung der AfD-Wählerschaft und das Warum?

83% der AfD-Wählenden wünschen sich einen grundlegenden politischen Wandel (mehr dazu hier…). Laut den Nachwahlbefragungen erfolgte die Wahlentscheidung der AfD-Wählenden zu 35 % aus Enttäuschung gegenüber 55% aus Überzeugung (mehr dazu hier…). Im Vergleich zur Nachwahlbefragung in Sachsen bei der Landtagswahl 2024 ist hierbei ein klarer Zuwachs zu verzeichnen. Dort erfolgte die Wahlentscheidung unter den AfD-Wählenden zu 50% aus Überzeugung und zu 43 % aus Enttäuschung gegenüber den anderen Parteien (mehr dazu hier…).

Eine große Rolle spielte dabei insbesondere die Bundesregierung. 59% aller Wählenden in Sachsen-Anhalt stimmen der Aussage zu, dass die Bundesregierung bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt einen Denkzettel verdient habe [AfD-Wählende sogar zu 89%], vergleicht man dies mit Befragungen nach den Landtagswahlen 2024 in Thüringen oder Sachsen ist hier ein Anstieg um 3 Prozentpunkte zu verzeichnen [von 56% auf 59%] (mehr dazu hier…).

Die Opfererzählung der AfD schlägt sich auch in der Wahlnachbefragung nieder. So gehen 95% der AfD-Wählenden davon aus, dass die anderen Parteien unfair mit der AfD umgehen [59% insgesamt], während 97 % zustimmen das die AfD besser als andere Parteien verstanden habe, dass sich viele Menschen hier nicht mehr sicher fühlen [67% insgesamt]. 54% aller Wählenden sagen die AfD sei näher an den Sorgen der Bürger als andere Parteien [94% der AfD-Wählenden] (mehr dazu hier…).

Bemerkenswert ist auch, dass der AfD eine hohe Mobilisierung von Nichtwählenden gelang. Es waren zur Landtagswahl am 06.09.2026 170.000 Nichtwählende die der AfD ihre Stimme gaben (mehr dazu hier…).

Ein nennenswerter Teil der AfD-Wählerschaft ist nicht mehr durch rationale Argumente zu erreichen, eben weil die Partei nicht trotz, sondern wegen ihrer Destruktivität gewählt wird. In der Konsequenz sind realpolitische Erwägungen, wie beispielweise eine auskömmliche, soziale Daseinsvorsorge, immer noch eine gute Strategie der Rechtsextremismusprävention, erreicht aber bei weitem nicht mehr alle Adressaten.

Vielmehr haben sich inzwischen rechtsextreme Rückzugs- & Resonanzräume verstärkt – und da ist es dann nicht mehr weit bis zur autoritären Rebellion. Autoritäre Rebellion beschreibt bei Theodor W. Adorno ein paradoxes gesellschaftliches Muster: Menschen wenden sich scheinbar gegen bestehende Autoritäten, tun dies aber in einer Weise, die selbst wieder autoritär ist. Der „Rebell“ lehnt nicht Herrschaft als solche ab, sondern nur jene Formen, die seine eigenen autoritären Bedürfnisse nicht erfüllen. Adorno zeigt, dass solche Rebellion oft aus Ohnmachtserfahrungen, narzisstischen Kränkungen und dem Wunsch nach klaren, einfachen Ordnungsvorstellungen entsteht. Die Revolte richtet sich dann nicht gegen Autorität, sondern gegen deren vermeintliche Schwäche. Sie verlangt eine „starke Hand“, die Komplexität beseitigt und das eigene Weltbild bestätigt.
In diesem Sinne ist autoritäre Rebellion keine Befreiung, sondern eine Flucht vor Freiheit: ein Aufbegehren, das am Ende genau jene Strukturen stärkt, gegen die es sich zu richten vorgibt.

Jetzt gilt mehr als je zuvor: Das Grundgesetz verteidigen

Als Demokraten finden wir uns niemals damit ab, dass Rechtsextreme womöglich regieren. Wir stehen zusammen. Dies erfordert eine lebendige Zivilgesellschaft, diese ist in der Lage den besonders radikalen AfD-Landesverband in Sachsen-Anhalt in die Schranken zu weisen. Eine rechtsextreme Mehrheit verändert die politische Lage, aber nicht die Spielregeln. Das Grundgesetz gilt in Sachsen-Anhalt weiter und wird unbedingt verteidigt. Wer auf Mehrheiten mit der AfD setzt, normalisiert eine rechtsextreme Partei und ihre demokratiefeindlichen Positionen. Programmatik und Personal der AfD unterstreichen, dass die Partei keine Probleme lösen, sondern Rechtsstaat, Gewaltenteilung und Minderheitenrechte aushöhlen will. 
In der Konsequenz heißt das auch, insbesondere mit den Betroffenen dieser autoritären Bedrohungen solidarisch zu sein. Das gilt übrigens auch für die nicht gutsituierte Menschen, die selbst die AfD gewählt haben.  
Sich für die Freiheitlich-Demokratische Grundordnung und damit im Umkehrschluss gegen Autoritarismus einzusetzen, ist Ansporn für alle, ganz gleich ob sie sich selbst konservativ, liberal, ökologisch, „neutral“ oder links verorten.

Foto: Projekt GegenPart am 24.02.2026 in Köthen


Hier finden Sie unser kurzes Analysepapier zum Download auf unserer Homepage
            

Mobiles Beratungsteam gegen Rechtsextremismus in Anhalt (Projekt GegenPart) am 07. September 2026